Alto Adige/Südtirol – One name, two identities: the power of the past

Article written by Federica Woelk, in German and English.

Lago di Braies/Pragser Wildsee, Alto Adige/Südtirol – Photo by Jeison Higuita on Unsplash

Alto Adige/Südtirol – Ein Name, zwei Identitäten: Die Kraft der Vergangenheit

“Woher kommst du? » – « Ich komme aus Trento ». – « Ah, dann sprichst du Deutsch! » Dies höre ich oft, wenn ich mich mit Italienern unterhalte (die meine Region Trentino-Südtirol wenig oder kaum kennen). Zwar gibt es in beiden Provinzen der Region, im Trentino und in Südtirol, sprachliche Minderheiten. Aber: Im Trentino ist Deutsch keine Amtssprache, und ich treffe selten jemanden, der dort wirklich Deutsch kann (auch wenn es in der Schule Pflichtfach ist).

Mit der Überarbeitung des Autonomiestatuts 1972 wurde die Region Trentino-Südtirol zu einer gemeinsamen, aber leeren Hülle und die beiden autonomen Provinzen Trient und Bozen zum Zentrum der Autonomie. Südtirol ist kompliziert, es leben dort drei Sprachgruppen, und es ist sinnlos zu versuchen, die Identität der Südtiroler als « nur » Deutsch oder « nur » Italienisch zu charakterisieren. Dies liegt vor allem an seiner langen und schwierigen Geschichte.

Vom heutigen, österreichischen (Nord-)Tirol wurde Südtirol nach dem Ende des Ersten Weltkriegs getrennt. Zuvor gehörte Südtirol fast ununterbrochen 550 Jahre lang als Teil Tirols zur Habsburgermonarchie. 1919 wurden Südtirol und das Trentino mit dem Friedensvertrag von St. Germain von Italien annektiert. 1927 wurde die Provinz Bozen unter der faschistischen italienischen Regierung gegründet. Die heutige geografische Ausdehnung wurde jedoch erst mit dem Ersten Autonomiestatut 1948 festgelegt, als Tiroler Etschland. Diese Bezeichnung änderte sich erst 1972: Mit dem Zweiten Autonomiestatut hat der seit den 1920er Jahren gebräuchliche Begriff „Südtirol“ Akzeptanz gefunden. Seitdem lautet der offizielle Name „Autonome Provinz Bozen – Südtirol“.

Zum Zeitpunkt der Annexion 1919 war Südtirol zu fast 90% von deutschsprachigen Bewohnern bewohnt. Die italienischen Faschisten betrieben daher eine radikale Assimilierungspolitik, vor allem im Schul- und Kulturbereich, in der Verwaltung und im öffentlichen Leben, mit dem Ziel, diese Region zu italianisieren. Mit dem Südtiroler Optionsabkommen von 1939 wollten Hitler und Mussolini das Problem der in der Region lebenden deutschen Volksgruppe „lösen“: Die Südtiroler konnten nach Deutschland auswandern oder in Italien bleiben, mussten dann aber ihre vollständige Italienisierung akzeptieren. Dadurch wurde die Gesellschaft Südtirols zutiefst gespalten. Diejenigen, die bleiben wollten, die sogenannten Dableiber, wurden als Verräter des „eigenen Blutes“ beschimpft, während diejenigen, die gingen (Optanten), als Nazis diffamiert wurden. Darüber hinaus wurden 1923, drei Jahre nach der offiziellen Annexion Südtirols, italienische Ortsnamen per Dekret offiziell, während der deutsche Name « Tirol » ebenso verboten wurde wie « Tiroler » und « Südtiroler ». Deutsche Zeitungen, Verlage, Vereine und Verbände mussten umbenannt werden. Grundlage für diese Maßnahmen war ein am 15. Juli 1923 von Ettore Tolomei veröffentlichtes Manifest mit dem Titel « Provvedimenti per l’Alto Adige » (Maßnahmen für Südtirol), das zur Blaupause für die Italienisierungskampagne wurde. Vor diesem Hintergrund ist euch sicherlich klar, dass das Thema der Namensänderung in der Region nach wie vor sehr sensibel und daher für den Identitätsgedanken von grundlegender Bedeutung ist. 

Als Minderheit in Italien sind deutsche Muttersprachler durch die italienische Verfassung geschützt und haben Anspruch auf eine bestimmte Anzahl nationaler und europäischer Gesetzgeber, um ihre Anliegen zu vertreten.

Und nun zur aktuellen Frage: Ein vor einigen Wochen verfasster Gesetzentwurf zur Umstrukturierung des Brüsseler Büros der Provinz sah vor, die italienische Bezeichnung für Südtirol, „Alto Adige“, durch „autonome Provinz Bozen“ zu ersetzen. Der italienische Name für Südtirol wird von der Hauptseparatistenpartei Süd-Tiroler Freiheit als problematischer Teil des faschistischen Erbes angesehen, da er auf die Politik der erzwungenen Italianisierung nach dem Ersten Weltkrieg zurückgeht. Demgegenüber nennt Artikel 116 der italienischen Verfassung in der Fassung von 2001 die autonome Provinz Bozen jedoch „Provincia autonoma Alto Adige/Südtirol“, das heißt die zweisprachige Bezeichnung, die daher verbindlich zu verwenden ist. Der Vorschlag wurde vom Südtiroler Landtag mit Mehrheit verabschiedet: den deutschsprachigen, sezessionsnahen Oppositionspolitikern war es gelungen, einen Teil der Mehrheitspartei SVP auf ihre Seite zu bringen. Dies löste im deutschen Lager einen internen Streit zwischen autonomiefreundlichen und skeptischen Abgeordneten aus. Nach der Abstimmung erklärte der Landeshauptmann (deutsche Bezeichnung, in Anlehnung an die österreichische, für den Präsidenten der Provinz), Arno Kompatscher, es wäre ein äußerst starkes Signal in die falsche Richtung, wenn die italienische Regierung das Gesetz wegen Verfassungswidrigkeit vor den Verfassungsgerichtshof bringen würde. Der italienische Minister für regionale Angelegenheiten drohte in der Tat, das Gesetz vor dem Verfassungsgericht anzufechten, was den Landtag dazu veranlasste, das Gesetz abzuändern. Da der zweisprachige Name „Alto Adige/Südtirol“ in der italienischen Verfassung verankert ist, ist ein Landesgesetz für eine Namensänderung nicht ausreichend, da dafür ein Verfassungsgesetz erforderlich wäre.

Kompatscher gab auf und wies darauf hin, dass die lokale Regierung in Zukunft nicht mehrheitlich über dieses heikle Thema entscheiden kann. Derzeit sind fast zwei Drittel der Einwohner der Provinz deutsche Muttersprachler. Als Minderheit in Italien sind deutsche Muttersprachler durch die italienische Verfassung geschützt und haben Anspruch auf eine bestimmte Anzahl nationaler und europäischer Gesetzgeber, um ihre Anliegen zu vertreten.
In Südtirol leben Italiener und Deutschsprachige nebeneinander – auch miteinander? Die Frage bleibt: Ist es möglich, sich an die Vergangenheit zu erinnern, sie zu respektieren und trotzdem in eine gemeinsame Zukunft voranzuschreiten? Für mich ist in Südtirol ein tieferes Verständnis für die Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen den beiden Kulturen genauso notwendig wie die Verbindung(en) zwischen beiden Kulturen. 

Alto Adige/Südtirol – One name, two identities: the power of the past

“Where are you from?” – “I am from Trento”. – “Ah, you speak German!” This is what I hear each time I speak to Italians (that mainly don’t know my region, Trentino-South Tyrol). It happens because in both provinces of that region, Trentino and South Tyrol, there are German-speaking, linguistic minorities. But: in Trento German is not an official language, and I rarely meet someone who is really able to speak German there (even if it is a mandatory subject at school). 

In 1972, with the revision of the “Statuto Speciale”, the autonomy statute, the region Trentino- South Tyrol was gradually emptied and its powers transferred to the newly established autonomous provinces of Trento and Bolzano. South Tyrol has a long and difficult history and it is complex; thus, it is pointless to try to characterize as “only” either German or Italian. 

The history of South Tyrol, as an entity of its own, separated from Tyrol, only started with the end of WWI. Before, South Tyrol was almost continuously part of the Habsburg Monarchy for 550 years, as a part of Tyrol. In 1919, South Tyrol and Trentino were annexed by Italy with the Peace Treaty of St. Germain. In 1927, the province of Bozen was created under the fascist Italian government. However, the province achieved today’s geographical extent only with the First Statute of Autonomy in 1948, being nonetheless called “Tyrolean Etschland”. With the Second Statute of Autonomy of 1972, the commonly used term South Tyrol (in use since the 1920s) has found acceptance. Since then, the official name is “Autonomous Province Bozen – South Tyrol”.

In 1919, at the time of its annexation, South Tyrol (in Italian “Alto Adige”) was inhabited by almost 90% German speakers. Under the 1939 South Tyrol Option Agreement, Hitler and Mussolini determined the status of the German ethnic groups living in the region. They had to decide whether to emigrate to Germany or stay in Italy and accept their complete Italianization. As a consequence of this, the society of South Tyrol was deeply divided. Those who wanted to stay, the so-called Dableiber, were condemned as traitors of their “blood” while those who left (Optanten) were defamed as Nazis. Moreover, in 1923, three years after South Tyrol had been formally annexed, Italian place names were made official by means of a decree. The German name « Tyrol » was banned, also « Tyrolean » and « South Tyrolean ». German newspapers, publishing houses, organized clubs and associations had to be renamed. The basis for these actions was a manifesto published by Ettore Tolomei on July 15, 1923, called the Provvedimenti per l’Alto Adige (« Measures for the Alto Adige »), becoming the blueprint for the Italianization campaign. With this in mind, it is easy to realize that changing the name of the region is still a sensitive issue and fundamentally linked to the perception of identity. 

As a minority in Italy, German speakers are protected by the Italian Constitution and are entitled to a certain number of national and European lawmakers to represent their concerns.

Some weeks ago, a draft provincial law meant to reorganize the Brussels office of the administrative entity proposed replacing the term ‘Alto Adige’ with ‘autonomous province of Bolzano’, linked to the name of the province’s capital.

The name Alto Adige is considered part of a fascist heritage by the main separatist German- speaking party Süd-Tiroler Freiheit, as it harks back to the policy of forced Italianisation of the former Austrian South Tyrol county, annexed to the Kingdom of Italy in 1919 after World War I. However, Article 116 of the Italian Constitution, as amended in 2001, calls the autonomous province of Bolzano ‘Alto Adige/Südtirol’, meaning that the double name must be used equally and without distinction. After the vote, the province’s president, Arno Kompatscher, said it would be a slur if Italy’s government were to declare the law unconstitutional. But the Italian Minister for Regional Affairs threatened to challenge the law before the Constitutional Court, leading the Provincial Council back down and change the law back again (as the name AltoAdige/Südtirol is enshrined in the Italian Constitution, a provincial law is NOT sufficient to change the name anyway: a constitutional law would be needed).

Kompatscher gave up, hinting that in the future, the local government cannot rule on this sensitive topic by using a simple majority vote. Currently, almost two-thirds of the province’s inhabitants are native German speakers. As a minority in Italy, German speakers are protected by the Italian Constitution and are entitled to a certain number of national and European lawmakers to represent their concerns.

Italians and German speakers coexist in South Tyrol. But the question remains: is it possible to remember the past and move forward in a common direction? I would argue that in South Tyrol there is the need for a deeper understanding of the differences, but also of the similarities of the language groups, and the need for an interconnection between the two different cultures in order to guarantee a living together, and not only side by side. 

Published by LA REGIONISTO

La Regionisto focuses on regional economic, political or cultural issues. Its aim is to enable everyone to deepen their curiosity for various regions of Europe and beyond, in a classic or fun way. We welcome articles written in any language and from any approach!

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